- Forschungs- und Erinnerungsarbeit zu Zwangsarbeiterschicksalen und NS-Geschichte im Harzgebiet -
Exkursion zur Gedenkstätte Bernburg für die Opfer der NS-"Euthanasie"
Sonntag, 02.06.2024, 09:00, Treffpunkt Parkplatz Kaiserpfalz Goslar

Dr. Alexander Wäldner. Vortrag über queere Verfolgung in Goslar
Dienstag, 14.05.2024, 18:30, Kulturmarktplatz Goslar

Exkursion zu den Stätten von Kriegsproduktion, Zwangsarbeit und Judenverfolgung in Ilsenburg
Sonntag, 12. Mai, 2024, Treffpunkt Parkplatz Kaiserpfalz / Landhaus "Zu den Rothen Forellen", Ilsenburg

Einladung zu einem öffentlichen Rundgang über den Goslarer Friedhof Hildesheimer Straße
Samstag, 11. Mai um 16:00 Uhr, Treffpunkt Haupteingang Friedhof Goslar, Von-Garßen-Straße

Nie wieder Faschismus! Ein Rundgang durch die ehemalige Reichsbauernstadt Goslar
Mittwoch, 8. Mai 2024, 17.30 Uhr, Treffpunkt Ecke Astfelder Straße/ Klubgartenstraße, Goslar

Vortrag. Prof. Dr. Winfried Schulze:
Die Verdrängung.

Pressemitteiling. Vortrag, 18.04.2024, 19:30, Landkreis Goslar, Klubgartenstraße, Goslar

Einladung zur öffentlichen Premiere des Dokumentarfilms "Walter Levy - Kein Blick zurück im Zorn" (2023)
Pressemitteiling. Filmvorführung. 21.11.2023, 19 Uhr, KUMA Goslar

Gedenkveranstaltung: Pogromnacht 1938 in Goslar
Pressemitteiling. Flyer. Stadtrundgang, 09.11., 16:30, Kaiserpfalzparkplatz, Goslar

1848: "Der Freiheit eine Bahn!" - Collage zum 175. Jahrestag der Revolution in Europa, Deutschland, Goslar und Bad Harzburg
Veranstaltung am 9.11.2023, 19 Uhr,
Goslarsche Höfe, Goslar und 16.11.2023, Haus der Kirche, Bad Harzburg

"Was tun gegen Antisemitismus?" mit Dr. Felix Klein, Berlin
Vortrag und Diskussion, 21.09.2023 19 Uhr,
Lewer Däle, Liebenburg

Gegen das Vergessen - Gedenken an die Reichspogromnacht
Gedenkstunde am Donnerstag, 10.11.2022, 16 Uhr, vor dem ehemaligen Judenhaus, Glockengießerstraße / Zum Trollmöch

Ausstellung: Sterne ohne Himmel - Kinder im Holocaust
Ausstellungszeitraum 4. - 18.11.2022, Ausstellungseröffnung 2.11.2022, 18 Uhr, Forum Adolf-Grimme-Gesamtschule, Bei der Eiche 5, 38642 Goslar

Informationsveranstaltung: Mehr Stolpersteine für Goslar
Montag, 07.10.2022, 19 Uhr, Kulturmarktplatz Goslar, Raum Arcachon, Am Museumsufer 2, Goslar

Einladung zur Filmvorführung rund um den jüdischen Schriftsteller Walter Kaufmann mit Regisseuren
Freitag, 14.10.2022, 19 Uhr,
Cineplex Goslar

Gemeinsame Vortragsreihe von Stadt und Geschichtsverein | Kulturmarktplatz Goslar
Kulturmarktplatz Goslar, Am Museumsufer 2, Raum Arcachon | 05. + 12. Oktober, 18 Uhr

"Meine jüdischen Eltern - meine polnischen Eltern"
Veranstaltungen anlässlich des Holocaust-Gedenktages 2022

Ausstellung, 16.-30.01.2022, Haus der Kirche, Luthergemeinde, Bad Harzburg

Gegen das Vergessen - Gedenken an die Reichspogromnacht
Dienstag, dem 09. November um 16:00 Uhr vor dem ehemaligen "Judenhaus" (am Trollmönch 3/Ecke Glockengießerstraße), Goslar

Einweihung einer Gedenkplatte in Erinnerung an Walter Krämer im Fliegerhorst
Samstag, 6. November 2021 um 11 Uhr am Kreisel in der Walter-Krämer-Straße neben dem Verbindungsweg zum Mittelkamp im Fliegerhorst, Goslar

Andrea Röpke. Lesung und Diskussion. Rechte Raumnahme - Ziele, Vorgehen und Gegenstrategien
Donnerstag, 07. Oktober 2021, 19 Uhr, Begegnungsstätte Oker, Talstraße 3, Goslar

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungreihe "Erinnern":
Das historische Ereignis von Oktober 1931 in Bad Harzburg:
Geschehen, Folgen, Auftrag für heute.

Dienstag, 16. November 2021, 18.00 Uhr, Wandelhalle Badepark - Veranstaltungsreihe: Erinnern als Aufforderung zum Ringen um die demokratische Republik heute.

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungreihe "Erinnern":
Die extreme Rechte und rechte Gewalt - Ein Blick in die Region

Dienstag, 9. November 2021, 18.00 Uhr, Wandelhalle Badepark - Veranstaltungsreihe: Erinnern als Aufforderung zum Ringen um die demokratische Republik heute.

Ausstellung im Rahmen der Veranstaltungreihe "Erinnern":
"Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen"

Dienstag, 2. November 2021, 18.00 Uhr, Aula der BBS Bad Harzburg, Wichernstr. 6 - Veranstaltungsreihe: Erinnern als Aufforderung zum Ringen um die demokratische Republik heute.

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungreihe "Erinnern":
Antisemitismus in Niedersachsen ? einst und heute

Sonntag, 24. Oktober 2021, 14.00-17.00 Uhr, Wandelhalle Badepark - Veranstaltungsreihe: Erinnern als Aufforderung zum Ringen um die demokratische Republik heute.

Veranstaltungsreihe: Erinnern als Aufforderung zum Ringen um die demokratische Republik heute.
Der Verein Spurensuche Harzregion e.V. lädt gemeinsam mit Kooperationspartnern zu einer Veranstaltungsreihe und Ausstellung anlässlich des Treffens der Weimarer Demokratiefeinde zur Harzburger Front vor 90 Jahren:

Der Termin in Kürze: "Das Oberbergamt Clausthal-Zellerfeld im Dritten Reich" - Vortragsabend mit anschließender Podiumsdiskussion
Vortragsabend und Podiumsdiskussion am 02.12.2019, 19:30, Kaiser-Wilhelm-Schacht, Erzstraße 24, Clausthal-Zellerfeld

Rundgang über den Goslarer Friedhof
Rundgang, Friedhof Goslar, Hildesheimer Straße, 30. August 2019, 16 Uhr

Koscher Kuren? Jüdische Kurgäste in Bad Harzburg - Eine Doppelveranstaltung am Samstag, 29. Juni 2019 in Bad Harzburg
Stadtrundgang und Vortrag am 29. Juni 2019 ab 15 Uhr in Bad Harzburg

Gedenken an die Opfer der Überfälle von SA und SS auf jüdische Bürgerinnen und Bürger in Bad Harzburg
Gedenkveranstaltung, Freitag, 9. November 2018, Bad Harzburg

Geschichte der Rüstungsproduktion der Pulverfabrik Kunigunde bis zum Ende des 2. Weltkrieges
Vortrag des GHV - Geschichts- und Heimatvereins Dörnten e.V.

Film - Wir sind die Juden von Breslau
Filmvorführung am Sonntag, 28.10.2018 um 17:30 im Goslarer Theater, Breite Straße 78, Goslar

Einladung - 20 Jahre Spurensuche
05.11.2018, 19 Uhr, im Großen Heiligen Kreuz, Goslar

"Rechtsextremismus im Nachkriegsdeutschland der Region Nordharz"
Vortrag von Dr. Peter Schyga, 24.05.2018 18:30, ehem. Standesamt Goslar

"Die blutige Rosa? Terror und Gewalt in der Politik von Rosa Luxemburg"
Vortrag mit Dr. Jörn Schütrumpf, 04.05.2018 19:99, Restaurant Platon, Bäringerstr. 6, Goslar

"Die 'Harzburger Front' von 1931 und heutiger Rechtsextremismus - Parallelen und ideologische Wurzeln"
Vortrag von Markus Weber, 03.05.2018 18:30, ehem. Standesamt Goslar

Zur Umweltgeschichte der Firmen Gebr. Borchers & H.C. Starck und der Ahnenerbe-Rüstungsforschung der Waffen-SS in Goslar - Teil 3

Umweltprobleme der Nachkriegszeit

Auch nach dem Krieg war gemäß einer Studie von Prof. Heller (NIEDERSäCHSISCHES LANDESVERWALTUNGSAMT 1959) die Hauptquelle der starken atmosphärischen Arsenimmissionen im Bereich Oker-Harlingerode die Chemische Fabrik Gebr. Borchers-Starck.

"Die Oker wird insbesondere durch Ammonium sehr stark belastet, das hauptsächlich aus einem Industriebetrieb in Oker (H.C. Starck, Berlin) stammt. ... Im Mündungsbereich der Abzucht liegen auch die Sulfate ... sehr hoch: ... Verursacher der erhöhten Ammonium- und Sulfatkonzentrationen ist die Fa. H.C. Starck, Berlin." (WASSERWIRTSCHAFTSAMT GöTTINGEN 1988). Nach einigen massenhaften Fischsterben und nachdem Goslarer Umweltschützer und Angelvereine diese hohen Werte öffentlich diskutierten, bewegte sich die Firma und legte eine 1,2 km lange und 30 cm starke PE-Leitung von der zentralen Kläranlage (ZABA) zur Oker, um die Abzucht zu entlasten und die Abwässer in der stärker fließenden Oker sich besser und schneller verdünnen zu lassen...

Seit 1996 stellt H.C. Starck Nano-Pulver her; 1998 wurde einem Antrag, die Produktion auszuweiten, trotz Einsprüchen stattgegeben. Gegen diese Entscheidung klagte ein Einwohner, da Nano-Stäube ein unkalkulierbares Gesundheitsrisiko darstellen. Die äußerst feinen Nano-Partikel - sie sind bis zu 100-mal kleiner als ein Grippe-Virus - sind in der Lage, Filteranlagen zu passieren und sich in den Atemwegsorganen abzulagern. Sie können auch das menschliche Immunsystem überwinden und in Körperzellen eindringen.


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Aktuelle Luftaufnahme des Goslarer Werksgeländes der Fa. H.C. Starck; Firmenaufnahme

Rüstungsforschung

H.C. Starck und Gebr. Borchers AG haben im Zuge der NS-Rüstungsproduktion und des 2. Weltkrieges offenbar an verschiedenen kriegswichtigen A-, B- und C-Rüstungsprojekten gearbeitet.

A-Waffenforschung in Kooperation mit der Bergakademie Clausthal

Nachdem deutsche Wissenschaftler 1938 die Kernspaltung entdeckt hatten, wurde intensiv nach Verwendungsmöglichkeiten der neuen Technologie gesucht, wobei sich die Arbeiten im Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem auf die Verwirklichung einer durch Kernspaltung selbständig erhaltenden Kettenreaktion konzentrierten. Die Experimente dazu konnten jedoch nicht mehr abgeschlossen werden; US-Streitkräfte beschlagnahmten in den letzten Kriegstagen 1945 die Dokumente am Labor-Ausweichstandort Haigerloch. Erst in den 70er Jahren wurden sie nach Deutschland zurückgebracht. Die seinerzeit beschlagnahmten Dokumente bzw. Kopien befinden sich im Kernforschungszentrum Karlsruhe, im Deutschen Museum München und im Stadtarchiv Haigerloch. Sie enthalten Berichte verschiedener Institute, darunter Schriften der Atomforscher Werner Heisenberg und Otto Hahn. Ferner liegen Fotos, Notizbücher mit Laboraufzeichnungen sowie umfangreiche Briefwechsel der Wissenschaftler mit dem Reichsforschungsrat vor.

Im Band 12 der Haigerloch-Dokumente befindet sich ein von Prof. Dr.-Ing. M. Paschke verfasster Bericht "Herstellung graphitfreien Uran-Karbides". Paschke war der Direktor des Eisenhütten-Institutes der Bergakademie Clausthal und führte seine Untersuchungen im Auftrag der nur wenige Kilometer von Clausthal entfernten Fa. Gebr. Borchers AG durch. Im entsprechenden Halstead-Report (HALSTEAD EXPLOITING CENTRE 1945) heißt es: "The experiments were carried out in the Eisenhuettenfachmaennischen Institute der Bergakademie Clausthal (Technical Foundry Institute for the School of Mines - Clausthal). Borchers Bros. A.G. who suggested the experiments, give thanks for the helpful assistance which was offered them by the Institute, especially by its director, Prof. Dr. Ing. M. Paschke." (S. 4).

B- & C-Waffenforschung in Verbindung mit dem SS-Ahnenerbe

Der Werderhof am Breiten Tor in Goslar ist heute das Gäste- und Tagungshaus der Fa. H.C. Starck. In dem gemeinsam von der Fa. H.C. Starck und der Förderpreisträgerin 1999 des Goslarer Geschichtsvereins, der Historikerin Dr. Angelika Kroker, erarbeiteten Buch zur Geschichte des Werderhofes (KROKER 1999), heisst es, dass der Werderhof zwischen 1940 und 1943 vom Vereinskrankenhaus Goslar gemietet war. Im April 1943 kündigte das Vereinskrankenhaus diesen Mietvertrag. über die Gründe, so Kroker, "geht aus den Akten nichts hervor" (S. 52). Kroker zitiert an dieser Stelle die "Aktenlage", gemeint ist wohl die Lage der ihr zur Verfügung gestellten Akten; etwas später verweist sie auf eine weitere Aussage, die notwendigen Umbauarbeiten im Werderhof seien nicht "kriegswichtig" gewesen (S. 54).




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Ansicht des Werderhofs; Foto Peter Kamin

Bürgermeister Droste: "... alles was diese Leute anfangen, riecht oder giftig ist ..."

An dieser Stelle werfen jüngst in den National Archives Washington recherchierten Dokumente ein ganz anderes Licht auf die Geschichte der übernahme des Werderhofs durch Borchers/H.C. Starck. So bemühte sich die Gebr. Borchers AG bereits 1942, das Gelände des Werderhofs von der Stadt zu erwerben. Bürgermeister Droste wird jedoch in einem Schreiben von Dr. Friedrich Borchers, dem seinerzeitigen Vorstand der Gebr. Borchers AG, mit der Bemerkung zitiert, er "habe Bedenken gegen den Verkauf, weil er gerade bei Borchers immer das Gefühl habe, dass alles was diese Leute anfangen, riecht oder giftig ist." In dieser schwierigen Situation wandte sich die Firma über Dr. Eduard May vom SS-Forschungs- und Lehrinstitut "Das Ahnenerbe" an den Reichsführer SS. Dr. Friedrich Borchers in seinem persönlichen Brief an Dr. May: "Für ein entomologisches organisch-chemisches Institut ist die Sache direkt ideal".

Entomologische Forschung der Waffen-SS

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Forschungseinrichtung des Reichsführers SS damals mit intensiver entomologischer, d.h. insektenkundlicher Forschung beschäftigt war. Dr. Eduard May war der Leiter des auf Befehl Himmlers geschaffenen "Entomologischen Institutes der Waffen-SS". Nach HANSEN (1993), der sich intensiv mit der biologischen Kriegsführung im Dritten Reich beschäftigte, erhielt Dr. May im Oktober 1944 vom Leiter des SS-eigenen "Institutes für wehrwissenschaftliche Zweckforschung" Wolfram Sievers den Befehl, sich ausschließlich mit Flohforschung und -zucht zu beschäftigen. Seuchenexperimente des Instituts in den Konzentrationslagern dienten der Erprobung von Impfstoffen gegen Fleckfieber, Typhus und Ruhr sowie wohl u.a. dazu, einen Pesteinsatz gegen die Rote Armee vorzubereiten, zu dem es dann jedoch nicht mehr kam.

Zur Kooperation der Akteure Prof. med. Blome, Dr. Borchers und Dr. May

Bereits Anfang 1942 signalisierte der Stillstand der deutschen Truppen vor Moskau ein Ende des Blitzkriegs mit konventionellen Waffen. Hitler befahl im Führererlass vom 9.6.1942 den Totaleinsatz der Forschung für den Krieg. Zu dieser Zeit erhielt der zweithöchste Repräsentant der deutschen ärzteschaft und altgediente SA-Kämpfer Prof. Dr. med. Kurt Blome "auf Anregung des Führers" den Auftrag, in Nesselstedt bei Posen eine Großforschungsanlage zu errichten, die der Erprobung von biologischen Kampfstoffen diente und als Zentralinstitut für Krebsforschung legendiert war, und die zersplitterten NS-Aktivitäten auf dem Gebiet der biologischen Kriegsführung zentralisieren. Ab Mitte 1943 kamen die Aufträge von Himmler persönlich oder vom SS-Ahnenerbe. Himmler bestellte Blome zwischen August 1943 und Ende 1944 fünf Mal zu sich, um mit ihm über einen biologischen Angriff zu diskutieren; Himmlers Hauptinteresse galt dabei der Pest. Blome band auch die Entomologie in seine Forschungen ein und beschäftigte sich u.a. mit dem Abwurf krankheitsübertragender Mücken (HANSEN 1993). Eine Analyse der Tagebuchaufzeichnungen von Wolfram Sievers, Leiter des SS-eigenen "Institutes für wehrwissenschaftliche Zweckforschung", ergibt u.a. folgende Einträge (kleine Schreibfehler korrigiert):

27.9.194316.00Dipl.-Ing. Grauhoff aus Goslar von Gebr. Borchers A.G. berichtet, dass Turmteil im Werderhof Wohnraum bleibt, so dass Verbleiben von Oberst Wiligut möglich.
11.6.194415.00-01.30... Dr. May: Schädlingsbekämpfung. Zusammenarbeit Blome-Borchers ...
11.8.194412.00-13.45Haus der ärzte - Besprechung mit Prof. Dr. Blome, Dr. May, Dr. Borchers: Besprechung der gemeinsamen Arbeitsvorhaben und der Möglichkeiten für den erforderlichen Ausbau des Werkes Alt-Herzberg. 13.45 - 14.30: Besprechung mit Prof. Blome über Vortrag bei RFSS über a) Kartoffelkäferbekämpfung. b) Bekämpfung menschenschädigender Insekten. c) Percutane Wirkstoffe. d) Doryl. ... 16.00 - 18.00: Hotel Continental: Dr. May, Dr. Borchers. ... 4. Arbeitsfragen Entomologisches Institut: Sonderaufträge Prof. Blome lassen auf keinen Fall irgendwelche Einschränkungen zu. 18.20 - 19.00: SS-Brif. Menzel und Prof. Blome: Besprechung über geheime Sonderaufgaben. ...
17.8.1944nachmittagsBerichte zur erforderlichen Aufgabenerweiterung des Instituts für Entomologie in Zusammenarbeit mit Prof. Blome. Bericht Gebr. Borchers wegen Schwierigkeiten bei Meerzwiebelverarbeitung. ...
18.8.194413.00-14.30Dr. Graue: ... 4. Sicherstellung von Personal bei wissenschaftlichen Forschungsaufgaben, z.B. Laboratorium Borchers. 5. Zusammenarbeit Borchers - May - Blome. ...
23.8.194422.45-04.00... Einzelbesprechungen ... Dr. May: ... 2. Vereinbarung eines Besprechungstermins in Goslar mit Gebr. Borchers u.a. zum 11. und 16.9.1944. 3. Anopheles-Lebensdauerversuch in Zusammenarbeit mit Forschungsauftrag Prof. Blome.
12.9.194414.45Prof. Blome (fmdl.): über Vortrag RfSS: Nesselstedt soll anlaufen. Arbeitsvorhaben intensivieren. Bedarfsfragen für Besprechung in Goslar.
15.9.194413.05-23.10Besprechung mit Dr. Borchers, Direktor Dr. Zutz, Dr. Adelung (bis 14.15), Oberst von Borstel (ab 16.00), Dr. May (ab 17.00) über Herstellung von Schädlingsbekämpfungsmitteln. 18.10 - 19.45: Besichtigung des Werder-Hofes, Stand des Umbaues und Besprechung mit Dr. Gerneck und Dr. Reisener. Bericht über Bekämpfungsmethoden und Bekämpfungsmittel in Auschwitz. Eigenschaften eines besser als Gesarol wirkenden Mittels R 111. Mittel zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers. Auflösung des Fliegerforstschutzverbandes. übernahme der Forschungsstelle Weidach bei Coburg für Flugzeugschädlingsbekämpfung durch Institut f. Entomologie? Verlängerung des Forschungsauftrages für Oberst von Borstel. Unterbringung von Mitarbeitern und Labors gegebenenfalls in Goslar oder Oker möglich. Dr. May: Unterbringung von Prof. Hirt ggf. in Dachau. Heranziehung Dr. Schäfer für Anopheles-Forschung erforderlich. ... Kurzbericht für RfSS im Zusammenhang mit Arbeiten von Prof. Blome. übernahme von Oberst von Borstel zur SS?
...23.20-00.30Oberst Schröder-Stranz und Baurat Eistel übergeben Exposeés und Pläne.
14.11.194416.00-00.30Dienstbesprechung mit Dr. May, u.a.: ... 13. änderungsvorschläge des mit Gebrüder Borchers A.G. vorgesehenen Vertrages besprochen.


In Kooperation mit Gebr. Borchers waren je eine Versuchsanlage sowie eine Produktionsstätte auf dem nicht in Mitteldeutschland gelegenen, stillgelegten Werksgelände Altherzberg sowie ein entomologisches Prüf- und überwachungslaboratorium im Goslarer Werderhof geplant.

Die Chemische Fabrik Alwin Nieske GmbH in Altherzberg - heute 04916 Herzberg (Elster) in Brandenburg - war ein alter Standort der chemischen Industrie, an dem Chrom, Wolfram und chemische Salze hergestellt wurden und der um 1900 ca. 110 Arbeitskräfte beschäftigte. Eine heute noch ca. 90.000 t Sonderabfall beinhaltende Werksdeponie, vor Ort nur "Altherzberger Giftberg" genannt, zeugt von dieser Produktionsphase. Die Produktion war um 1935/36 eingestellt worden. Schon 1941 hatte die Borchers AG den Antrag gestellt, hier die Fabrikation von Karbolineum, Schwefelkalkbrühe und Prokarbol wieder aufzunehmen.

In einem mit "Geheim" gekennzeichneten Vermerk des SS-Standartenführers Sievers wird über eine Unterredung am 27.10.1943 im Führerhauptquartier berichtet, in dem über den "Antrag auf Genehmigung zum Bau einer Versuchsanlage zur Herstellung von organisch-chemischen Präparaten zur Insektenbekämpfung" beraten wurde. Zitat: "Diese Anlage ist unerläßlich, wenn die erforderlichen großen Versuche durchgeführt werden sollen." Die Baupläne lagen dem Vermerk bei, konnten jedoch bisher nicht aufgefunden werden.

Für die Versuchsanlage in Altherzberg liegen jedoch aufschlussreiche Bedarfslisten vor. Die in den Anforderungslisten "Betr.: Eisenbedarf für die Versuchsanlage für Herstellung verschiedenster organischer Substanzen" der Gebr. Borchers vom 17.8.1944 genannten Apparaturen (Chlorvergaser, Chlorierapparate, Vorratsgefäße für Benzol, Sprit, Anilin und Schwefelsäure) und "Betr.: Personalbedarf" unter dem gleichen Datum aufgelisteten Personalanforderungen (1 Chemischer Leiter, 1 Laborant, 1 Meister zur Betriebsüberwachung, 1 Maschinenschlossermeister, 2 Schlosser, 1 Zimmermann, 1 Kontorist sowie "15 Betriebsarbeiter, von denen infolge der Bedienung der komplizierten chemischen Apparaturen ca. 1/3 deutsche Arbeitskräfte sein müssen") geben Einblick in die Planungen.

Für das Prüf- und überwachungslaboratorium im Goslarer Werderhof fordert die Personalbedarfsliste "1) unsere beiden vorhandenen Entomologen, Herr Dr. Gerneck in Bad Harzburg und Herr Dr. Salaschek in Bad Harzburg, 2) unsere Laborantin, Frl. Schumacher in Bad Harzburg. Außerdem wäre noch neu zu beschaffen und sicherzustellen: 1 Chemiker-Organiker zur Unterstützung der organisch präparativen Vorarbeiten, 1 Biologe zur überwachung der verschiedenen Zuchten, vor allen Dingen der Anopheles-Zucht. Außerdem 1 Hilfskraft als Gärtner zur Durchführung der Pflanzenanbauten im Gewächshaus usw. - Heil Hitler! Gebr. Borchers A.-G."

Ob und in welcher Form die geplanten Aktivitäten im Werderhof und in der Chemischen Fabrik Altherzberg aufgenommen wurden, ist bisher noch unklar.

Dr. Friedrich Borchers und sein Studienfreund Dr. Eduard May kooperierten immer sehr eng. Anläßlich seiner Berufung in den Beirat des Institutes für Entomologie wurde Dr. Friedrich Borchers 1942 von der SS intern wie folgt charakterisiert: "Borchers, der sowohl in der Industrie als auch bei den Behörden und Reichsstellen in hohem Ansehen steht und seit 1927 mit Dr. M a y (Heraushebung im Original) befreundet ist, würde sich dem Institut in jeder Weise (sic!) zur Verfügung stellen, sodaß auf diese Weise eine Verbindung mit der Industrie auf einer ausgesprochenen Vertrauensbasis zustande käme." (Bundesarchiv NS 21/33). So kam es denn auch. Dr. Friedrich Borchers hatte aufgrund seiner engen Verflechtung mit dem NS-System und insbesondere der SS nach 1945 arge Probleme mit der Entnazifizierung. Am 12.10.1945 teilte die Dienststelle Goslar (214 (K) Mil Gov Det) der Militärregierung dem Oberbürgermeister der Stadt Goslar im Rahmen der Entnazifizierung der Fa. Gebr. Borchers mit: "... (3) The undermentioned persons are NOT (Heraushebung im Original) acceptable to Military Government, and if still employed will be dismissed as from Nov. 1st 1945: BORCHERS, Friedrich ... (5) You will report to this HQ when these instructions have been carried out." Die Auseinandersetzungen um die Entnazifizierung von Dr. Borchers zogen sich noch eine Weile hin und erst nach mehrfachen Anläufen gelang es dem früheren Wehrwirtschaftsführer, einen "Persilschein" zu erhalten. Während dieser Zeit saß Dr. Borchers auch eine Zeitlang im Internierungslager Kransberg, einer Burg bei Bad Nauheim, wo er alliierten Verhören unterzogen wurde. Burg Kransberg war ein Internierungslager für die wissenschaftliche, technische und wirtschaftliche Prominenz des Dritten Reiches; zu den Internierten gehörten zeitweise neben Hjalmar Schacht auch Wernher von Braun und andere Wissenschaftler. Diese Aktion ist später unter ihrem alliierten Decknamen "Dustbin" bekannt geworden.

Dr. Eduard May (1905-1956) promovierte 1928 in Zoologie; anschließend arbeitete er in der angewandten Botanik und beriet die Gebr. Borchers beim Aufbau ihrer Pflanzenschutzabteilung (HEIDER 1999). 1941 zog er nach München, wo er 1942 als Naturphilosoph ('Dinglerianer') habilitiert wurde. Er war kein Parteimitglied. Ab 1943 hatte er einen Forschungsauftrag mit Dringlichkeitsstufe SS im Rahmen des Ahnenerbe und der 'wehrwissenschaftlichen Zweckforschung' in Dachau über 'menschenschädigende Insekten' (biologische Kriegsführung!) und leitete das Ahnenerbe-Institut für Entomologie. Seit Ende Oktober 1944 nahm May Testreihen mit Flöhen in Angriff. Es gibt Hinweise, dass May innerhalb dieser Versuche, die als "Siebenschläfer-Forschung" codiert wurden, mit Rattenflöhen experimentierte. Vermutlich standen diese Tests in Zusammenhang mit Blomes Pestforschungen. Die Schreiben Mays bezüglich der "Siebenschläfer-Forschung" gehören zu den wenigen, die als "geheim" eingestuft wurden (HEIDER 1999). - Dr. May war eng mit dem Wehrwirtschaftsführer Dr. phil. Friedrich Borchers, dem Vorstand der Gebr. Borchers AG, befreundet; von daher erklärt sich auch die besonders enge Kooperation des SS-Ahnenerbes mit der Firma Borchers. In Nürnberg wurde Dr. May freigesprochen aufgrund der Aussage von Wolfram Sievers, dass er sich geweigert habe, wie August Hirt und andere in seiner Umgebung, Versuche an Menschen durchzuführen. Ab 1951 war May ordentlicher Professor für Philosophie an der FU Berlin; in seinem Band 'Kleiner Grundriß der Naturphilosophie' (MAY 1949) ging er mit keinem Wort auf die vormalige rassistische 'Verpackung' der von ihm vertretenen Ansätze ein (http://www.aleph99.org/etusci/ks/t2a5.htm#fn8).

SS-Standartenführers Sievers versuchte sich nach Kriegsende zum Widerstandskämpfer zu profilieren, was ihm aber nicht gelang (KATER 1974); er wurde in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Mit dem ALSOS Final Report (WAR DEPARTMENT 1945) wurde auch das gesamte nazideutsche Biowaffenprogramm durchleuchtet, u.a. die Rollen von Prof. Blome, Dr. Borchers und Dr. May sowie die Pilotanlage im Werderhof. May gab an, sein Hauptinteresse habe dem Studium von Chloral, Gesarol und seinen Derivaten sowie Diphenyl und seinen Derivaten gegolten; er habe sich sehr dafür eingesetzt, eine entsprechende Pilotanlage bei den Gebr. Borchers in Goslar zu errichten. Dr. Borchers stellte das Goslarer Projekt bei seinen Befragungen durch die US-Geheimdienste als wenig erfolgreich dar; so habe sich Prof. Blome während der August-Besprechung in Berlin sehr interessiert daran gezeigt, jedoch keine Möglichkeit gesehen, technische Unterstützung zu geben, er hätte es schwer genug gehabt, sein eigenes Institut fertigzustellen. Dr. Borchers sei nicht über die Hintergründe des Blome-Projektes aufgeklärt worden; auf Nachfragen habe man ihm mitgeteilt, dieses sei "streng geheim" und er möge bitte nicht weiter nachfragen. Borchers habe von Blome dann nichts weiter gehört und auch keine Arbeitsaufträge erhalten, obwohl ihm das angeboten worden sei. Die Goslarer Versuchsanlage sei nicht mehr fertiggestellt worden.

Auffällig ist das mehrfach in den Akten durchscheinende Interesse der deutschen Forscher an den Derivaten der herzustellenden Stoffe, u.a. des Gesarol, dessen Wirkstoff das erst 1939 von Paul Müller entdeckte DDT ist, das schon in geringer Menge Insekten zuverlässig tötet, Menschen aber unbehelligt lässt. Militärisch war die DDT-Entdeckung von überragender Bedeutung, denn in der Vergangenheit hatte die Malaria schon viele Armeen geschlagen, ohne dass ein Schuss gefallen wäre, und das nicht nur in den Kolonien. Bis zu Müllers Entdeckung litten noch weite Teile Nordamerikas und Europas einschließlich Skandinavien unter dem Sumpffieber. Holland wurde als letztes europäisches Land 1970 malariafrei (POLLMER 2000).

In diesem Zusammenhang stellt GOEBEL (2000) fest: "... German researchers knew that papers on organo-phosphate toxins had been published in the international scientific press for decades, and so there was no reason to believe the Allies did not have nerve gases of their own. This belief was reinforced by the fact that all mention of organo-phosphate toxins had disappeared from the American scientific press at the start of the war. They believed that the disappearance was due to military censorship. They were right, but the organo-phosphate toxin the Americans were trying to deemphasize was the insecticide DDT, which had been developed in Switzerland just before the war and was strategically important, particularly for military operations in tropical regions. Ironically, the British actually discovered compounds applicable as nerve gases while experimenting with DDT, but had failed to clearly appreciate their importance."

Ob diesen als Nervengas zu nutzenden DDT-Derivaten, die das Goslarer Projekt um so kriegswichtiger gemacht hätten, das Augenmerk der am Goslarer Projekt arbeitenden Akteure der deutschen Kriegswirtschaft galt, ist eine offene Frage.

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